Häufige Fragen
1
Woran kann ich erkennen, ob mein Kind eine Legasthenie/Dyskalkulie hat?
2
Wie äußert sich eine Legasthenie im Lese- und Schreiblernprozess und im weiteren Schulverlauf?
3
Mein Kind liest und schreibt sehr schlecht. Trotzdem hat die Lehrerin gesagt, es hat keine Legasthenie. Was kann ich tun?
4
Woher kommt eine Legasthenie?
5
Wie viele Legastheniker und Dyskalkuliker gibt es eigentlich?
6
Stimmt es, dass eine Legasthenie oder Dyskalkulie von alleine besser wird?
7
Wie kann ich mein legasthenes/rechenschwaches Kind unterstützen?
8
Wie kann ich mein legasthenes/rechenschwaches Kind sinnvoll fördern?
9
Hat ein legasthenes Kind einen Anspruch auf individuelle schulische Förderung?
10
Ist ein guter Nachhilfeunterricht nicht genauso gut wie eine Legasthenie- oder Dyskalkulietherapie?
11
Kann man eine Legasthenie /Dyskalkulie heilen?
12
Werden durch die Einstufung als Legastheniker und die Anwendung der Ausgleichmaßnahmen die Schüler nicht stigmatisiert?
13
Wie kann ich verhindern, dass mein Kind in der Schule Ausgrenzung erfährt, wenn bekannt wird, dass es eine Legasthenie /Dyskalkulie hat?
14
Unser Kind hat in der ersten Klasse kaum lesen gelernt. Die Lehrerin meint, wir sollen es das Schuljahr (freiwillig) wiederholen lassen, aber wir wissen nicht, ob das die richtige Entscheidung wäre.
15
Kann unser Kind wegen seiner Legasthenie/Dyskalkulie auf die Förderschule abgeschoben werden?
16
Bei unserem Kind wurde eine Lese-Rechtschreibstörung diagnostiziert. Die Klassenlehrerin sagt aber: "Bei mir gibt es keine Sonderbehandlung für einzelne Schüler." Kann ich auf einer Anwendung der schulrechtlichen Ausgleichsmaßnahmen bestehen?
17
Bei unserem Kind wurde von einem Kinder- und Jugendpsychiater eine Lese-Rechtschreibstörung/Rechenstörung diagnostiziert. Ist für die Maßnahmen der Verwaltungsvorschrift zusätzlich eine schulpsychologische oder sonderpädagogische Diagnostik erforderlich?
18
Was versteht man unter Nachteilsausgleich?
19
Was versteht man unter Besonderheiten bei der Leistungsmessung und Leistungsbewertung?
20
Mein legasthener Sohn ist im 7. Schuljahr und macht immer noch sehr viele Rechtschreibfehler. Die Lehrerin sagt, ab dem 7. Schuljahr gibt es keine schulischen Hilfen, wie Nachteilsausgleich oder zurückhaltende Gewichtung der Rechtschreibung mehr. Ist das richtig?
21
Was versteht man unter einer Dyskalkulie und wie zeigt sie sich?
22
Welche schulischen Hilfen stehen den Schülern mit Dyskalkulie zu?


Woran kann ich erkennen, ob mein Kind Legasthenie/Dyskalkulie hat?

Laien können nicht eindeutig feststellen, ob ein Kind eine Teilleistungsstörung (Legasthenie oder Dyskalkulie) hat. Sie können aber auf Anzeichen achten. Wenn Ihr Kind nach diesen Anzeichen auffällig ist, sollten Sie eine medizinische Fachdiagnostik durchführen lassen, s. Diagnostik.

Top Seite

Wie äußert sich eine Legasthenie im Lese- und Schreiblernprozess und im weiteren Schulverlauf?

Lese-Lernprozess: Schwierigkeiten bei der Laut-Schriftzeichen-Zuordnung, beim Verbinden ("Zusammenschleifen") von Lauten, beim Zusammenführen eines gelesenen Wortes mit seiner Wortbedeutung, beim Sinn-Erfassen von Sätzen und Abschnitten, beim inhaltlichen Verstehen von Gelesenem. Deshalb sind Legastheniker sehr langsame Leser, denen es nicht gelingt, Silben, Worte oder Satzteile "mit einem Blick" zu erfassen.

Das Lesen bleibt meist bis in die höheren Klassen verlangsamt (mit vielen Fehlern und Selbstkorrekturen) oder flüchtig (viele Worte werden ausgelassen oder durch andere - mehr oder weniger sinngemäße - ersetzt).

Schreib-Lernprozess: Schwierigkeiten bei der Unterscheidung einzelner Buchstaben, Probleme bei der Umsetzung von Gehörtem ins Geschriebene (Laut-Unterscheidungsprobleme), Weglassen oder Hinzufügen von Buchstaben, Schreiben von „Wortruinen“, Probleme beim Abschreiben von Wörtern und Sätzen (Merkschwierigkeiten), unleserliche Schrift, hohe Fehlerquote vor allem bei ungeübten Diktaten.

Leistungsdefizite aufgrund von eingeschränktem, d.h. verlangsamtem oder fehlerhaftem Lesevermögen und mangelhafter Rechtschreibung machen sich auch in anderen Fächern bemerkbar, z.B.in Mathematik, wenn Textaufgaben bearbeitet werden sollen oder, wenn Texte von der Tafel abgeschrieben werden müssen.

Bei den Diktaten, vor allem bei ungeübten, fällt eine sehr große Fehlerzahl auf. Es gibt zwar keine "typischen Legastheniker"-Fehler, aber jedes einzelne Kind kann sehr wohl seine eigenen Fehlerhäufungen haben (z.B. bei Doppelkonsonanten, Dehnungen, Groß-/Kleinschreibung).

Legastheniker haben oft auch beim Aufsatzschreiben Probleme, z.B. mit Wortschatz, Satzbau und Grammatik, vor allem dann, wenn sie in ihrer Vorgeschichte eine verzögerte Sprachentwicklung hatten oder wenn sie an Laut-Differenzierungsproblemen leiden (Verwechseln von "ihm" und "ihn", "dem" und "den"). Meist häufen sich am Ende die Fehler und es tauchen immer neue Schreibweisen auf. Kinder können auch Schwierigkeiten haben, Dinge der Reihe nach zu erzählen oder haben mit Wortfindungsproblemen zu kämpfen.

Jedes einzelne dieser Symptome kann bei einem betroffenen Kind auftreten, muss aber nicht. Jedes Kind hat seine eigene Legasthenie mit seiner individuellen Symptomausprägung.

Bei allen schulischen Problemen fällt auf, dass selbst häufiges und intensives häusliches Üben oder herkömmlicher Nachhilfeunterricht nur geringe oder gar keine Verbesserungen bringen.

Top Seite

Mein Kind liest und schreibt sehr schlecht. Trotzdem hat die Lehrerin gesagt, es hat keine Legasthenie. Was kann ich tun?

Ein Lehrer ist kein Fachdiagnostiker. Deshalb können Sie sich auf eine solche Aussage nicht verlassen. Nicht alle Lehrer wissen über Legasthenie wirklich Bescheid und manche stellen leider immer noch über den Daumen gepeilte "Diagnosen". Beobachten Sie Ihr Kind auf Anzeichen einer Legasthenie. Wenn dies der Fall ist, veranlassen Sie eine medizinische Fachdiagnostik s. Diagnostik.

Top Seite

Woher kommt eine Legasthenie?

Als Hauptursache werden genetische Faktoren angenommen. Übereinstimmung besteht darin, dass biologische Besonderheiten der Hirnentwicklung ausschlaggebend sind. Unterschiedliche zentralnervöse Funktionen, die abhängig von der biologischen Reifung des Zentralnervensystems sind, sind Voraussetzungen für das Erlernen des Lesens und Rechtschreibens.

Eine Lese-Rechtschreibstörung kann weder auf elterliche Erziehungsfehler, noch auf Störungen der Eltern-Kind-Beziehung, noch auf soziale Ursachen zurückgeführt werden. Auch schulische Ursachen, z.B. bestimmte Leselehrgänge wie die Ganzwortmethode, scheiden aus. Allerdings können schulische Unterstützung oder Förderung, die Entwicklung und die Ausprägung einer Legasthenie beeinflussen.

Top Seite

Wie viele Legastheniker und Dyskalkuliker gibt es eigentlich?

Die Häufigkeitsangaben zur Lese-Rechtschreibstörung im Kindes- und Jugendalter schwanken zwischen 3 - 8%. Sie ist damit eine der häufigsten schulischen Entwicklungsstörungen. Im Erwachsenenalter haben bis zu 6 % nicht das Lese-Rechtschreib-Niveau eines Schülers der 4. Klasse. Jungen sind etwa dreimal so häufig betroffen wie Mädchen.

Die Häufigkeitsangaben bei der Dyskalkulie schwanken zwischen 3 und 7 %. Mädchen und Jungen sind gleich stark betroffen.

Top Seite

Stimmt es, dass eine Legasthenie oder Dyskalkulie von alleine besser wird?

Eine Lese-Rechtschreibstörung/Legasthenie oder Rechenstörung/Dyskalkulie wächst sich nicht aus. Ohne Behandlung nehmen die Probleme häufig sogar zu. Nicht selten kommt es bei diesen Schülern zu psychischen Folgeproblemen, wie Schulangst, psychogenen Bauchschmerzen oder Depressionen. Um bleibende seelische und soziale Beeinträchtigungen zu vermeiden, brauchen die betroffenen Kinder häusliche und schulische Unterstützung sowie spezielle Förderung.

Man sollte bei einer Legasthenie oder Dyskalkulie nicht auf eine "spontane Besserung" hoffen. Die Lücken im Wissenserwerb und seelischen Belastungen infolge einer nicht erkannten oder unbehandelten Teilleistungsstörung können die Bildungs- und Berufschancen und die persönliche Lebenserfüllung des betroffenen Menschen dramatisch einschränken.

Top Seite

Wie kann ich mein legasthenes/rechenschwaches Kind unterstützen?

Die wichtigste Unterstützung, die Sie Ihrem Kind geben können, ist Verständnis für seine Schwierigkeiten, Vertrauen in seine Fähigkeiten, sowie Geborgenheit und Trost, wenn es schulische Misserfolge verarbeiten muss.

Schimpfen Sie nicht über schlechte Leistungen, machen Sie ihm keine Vorwürfe, verzichten Sie auf Vergleiche mit Geschwistern oder anderen Kindern. Versuchen Sie sich in seine Lage hinein zu versetzen. Glauben Sie ihm, dass es manche scheinbar einfache Anforderungen nur mit Mühe erfüllen kann.

Vertreten Sie die Interessen Ihres Kindes in der Schule. Suchen Sie seine Lehrer auf. Sprechen Sie mit ihnen über die individuellen Probleme ihres Kindes. Bitten Sie um Verständnis und um eine angemessene Berücksichtigung seiner Problematik. Zeigen Sie auch die Kompetenzen und Stärken Ihres Kindes auf. Helfen Sie den Lehrkräften ihre Einschätzung zu korrigieren, Ihr Kind nicht nur als „Problemfall“ zu sehen.

Informieren Sie sich über die aktuell geltenden schulrechtlichen Vorschriften und schulischen Hilfen. Der Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. hilft Ihnen gerne weiter.

Top Seite

Wie kann ich mein legasthenes/rechenschwaches Kind sinnvoll fördern?

Achten Sie darauf, dass aus den Hausaufgaben keine Marathon-Sitzungen werden. Legen Sie lieber eine Pause ein oder brechen Sie ab und schreiben Sie eine Notiz an die Lehrkraft. Sorgen Sie für eine entspannte Atmosphäre beim Lernen. Hören Sie auf, wenn die Konzentration des Kindes deutlich nachlässt. Quälen Sie Ihr Kind nicht mit sinnlosem Üben. Legastheniker lernen die Rechtschreibung nicht durch Diktatübungen.

Helfen sie Ihrem Kind bei der Organisation seiner schulischen Aufgaben. Machen Sie mit ihm einen Zeitplan. Wann sollte es mit den Hausaufgaben beginnen? Sorgen Sie dafür, dass dieser Plan eingehalten wird. Überlegen Sie mit Ihrem Kind auch gemeinsam eine sinnvolle Reihenfolge der Aufgaben. Bewährt hat sich z.B. die folgende Reihenfolge: Zuerst etwas Einfaches, das schnell erledigt ist. Das gibt das gute Gefühl, schon etwas geschafft zu haben. Dann kommt ein "dicker Brocken" und zum Schluss wieder eine einfachere Aufgabe, die man auch noch machen kann, wenn die Konzentration etwas nachlässt.

Machen Sie mit Ihrem Kind Spiele, die ihm Spaß machen und seine Konzentration, seinen Wortschatz, sein Gefühl für Sprache (Rhythmus, Reime, Silben...) stärken und vielleicht auch Schreibweisen von Wörtern trainieren, z.B. "Galgenmännchen", "Scrabble", "Wörter raten", "Reime bilden"...usw.

Eine systematische Förderung durch die Eltern ist jedoch nur ausnahmsweise sinnvoll. In der Regel sollten Sie das Fachkräften außerhalb der Familie überlassen.

Top Seite

Hat ein legasthenes Kind einen Anspruch auf individuelle schulische Förderung?

Die Förderung ist grundsätzlich Aufgabe der Schule. Allerdings sind die Fördermöglichkeiten abhängig von deren Ressourcen. Deshalb gibt es bislang keinen Anspruch auf spezifische individuelle schulische Förderung. Schulische Förderung erfolgt primär als Binnendifferenzierung oder in Form von zusätzlichen Förderstunden in größeren Gruppen.

Top Seite

Ist ein guter Nachhilfeunterricht nicht genauso gut wie eine Legasthenie- oder Dyskalkulietherapie?

Nachhilfeunterricht ist etwas ganz anderes als eine Legasthenie- oder Dyskalkulie-Therapie und kann eine solche nicht ersetzen. Im Nachhilfeunterricht geht es darum, bestimmte Lerninhalte durch Übung zu festigen, Wissenslücken zu schließen oder den Stoff für Klassenarbeiten und Prüfungen zu wiederholen.

Eine Legasthenie- oder Dyskalkulie-Therapie hat eine andere Funktion. Durch spezielle didaktische Hilfen eröffnet sie erst einen Zugang zur Schriftsprache bzw. zu den Grundrechenarten. Kinder mit Legasthenie/Dyskalkulie sind auf solche spezifischen auf die individuelle Problematik ausgerichteten Methoden durch speziell dazu qualifizierte Fachkräfte angewiesen. Allein ein langsameres Vorgehen oder mehrfaches Wiederholen des Unterrichtsstoffs hilft ihnen nicht.

Top Seite

Kann man eine Legasthenie / Dyskalkulie heilen?

Man weiß heute, dass eine Legasthenie/Dyskalkulie mit veränderten Verarbeitungsprozessen im Gehirn zusammenhängt. Diese Vorgänge sind sehr komplex und bisher gibt es keine Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen. Eine Legasthenie ist also nicht heilbar. Eine Lerntherapie kann aber helfen, die Lese-Rechtschreibleistungen durch geeignete Strategien zu verbessern und auf diese Weise zum Schulerfolg zu verhelfen. Bei der Dyskalkulie verhält es sich ähnlich, jedoch kann man bei den leichteren Formen mit früh einsetzender qualifizierter Förderung die Problematik fast beheben.

Folgende Faktoren wirken sich jedoch positiv auf die Entwicklung der betroffenen Kinder aus:


Emotionale Unterstützung und Wertschätzung durch die Eltern , motivierender Erziehungsstil, keine überhöhten Leistungserwartungen und Vermeidung von Hausaufgabenkonflikten

Positives, lernförderndes, unterstützendes und die Persönlichkeit stärkendes Vorgehen in der Schule, Vermeidung von Bloßstellungen oder Hänseleien und Ausschöpfung der rechtlichen Ausgleichsmaßnahmen

Behandlung der Lese-Rechtschreib- bzw. Rechenstörung durch qualifizierte individuell ausgerichtete Fördertherapie

Top Seite

Werden durch die Einstufung als Legastheniker und die Anwendung der Ausgleichmaßnahmen die Schüler nicht stigmatisiert?

Eine medizinische Fachdiagnostik ist für alle Beteiligten, die betroffenen Kinder, die Eltern, aber auch für die Lehrer hilfreich, um zu wissen, welche Schwierigkeiten, in welchem Ausmaß beim Kind vorliegen, welche Begabungen vorhanden sind und um auch andere Probleme, wie z. B. Sehstörungen oder Konzentrationsschwierigkeiten festzustellen bzw. auszuschließen.

Für die betroffenen Schüler sind die Teilleistungsschwierigkeiten oft mit einer langen Leidensgeschichte verbunden. Die Eltern und die Lehrer können den Verlauf ganz entscheidend beeinflussen, ob sich eine Teilleistungsstörung zu einer seelischen Behinderung auswächst oder die Betroffenen trotz ihrer Teilleistungsdefizite ihr Potential in ihrer schulischen Entwicklung ausschöpfen können. Verständnis, qualifizierte individuell abgestimmte Förderung und Ausschöpfung der schulrechtlichen Ausgleichsmaßnahmen sind dabei entscheidende Faktoren.

Top Seite

Wie kann ich verhindern, dass mein Kind in der Schule Ausgrenzung erfährt, wenn bekannt wird, dass es eine Legasthenie /Dyskalkulie hat?

Für viele Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung oder Rechenstörung ist es eine Qual, vorlesen oder vorrechnen zu müssen, erst recht, wenn sie von Mitschülern ausgelacht werden. Auch viele Korrekturen mit Rotstift treiben die betroffenen Kinder nur stärker in die Misserfolgserfahrungen hinein. Wenn ein Kind von Lehrern und Schülern erst als "dumm" eingestuft wird, ist ihm die Außenseiterrolle sicher.

Sprechen Sie mit den Lehrern über die individuellen Probleme ihres Kindes, bitten Sie um Verständnis und um eine angemessene Berücksichtigung seiner Problematik im Unterricht. Zeigen Sie auch seine Kompetenzen und Stärken auf. Auch die Klasse sollte über die Teilleistungsproblematik informiert werden, damit Mitschüler lernen mit der Problematik des betroffenen Kindes umzugehen.

Wichtig für das Selbstwertgefühl Ihres Kindes ist auch, dass es lernt, offen zu seiner Problematik zu stehen: "Ich habe nur eine Legasthenie /Dyskalkulie und deshalb Schwierigkeiten im Lesen /Schreiben /Rechnen, aber ansonsten bin ich genauso leistungsfähig wie andere Schüler.“

Top Seite

Unser Kind hat in der ersten Klasse kaum lesen gelernt. Die Lehrerin meint, wir sollen es das Schuljahr (freiwillig) wiederholen lassen, aber wir wissen nicht, ob das die richtige Entscheidung wäre.

Sie sollten unbedingt klären lassen, warum Ihr Kind bisher nicht lesen gelernt hat. Wenn es eine Legasthenie hat, besteht die Gefahr, dass es auch nach einem Wiederholen der Klasse noch nicht ausreichend lesen kann. Veranlassen Sie eine medizinische Fachdiagnostik. Vom Ergebnis dieser Untersuchung wird es abhängen, welche Förderung Ihr Kind benötigt und ob eine Wiederholung des Schuljahrs angebracht ist.

Top Seite

Kann unser Kind wegen seiner Legasthenie/Dyskalkulie auf die Förderschule abgeschoben werden?

Schüler mit Teilleistungsschwierigkeiten gehören nicht auf die Förderschule. Sie haben lediglich Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben bzw. Rechnen. Im Übrigen sind sie genauso leistungsfähig, wie ihre Mitschüler. Die Inklusionsvorschriften im Baden-Württembergischen Schulgesetz richten sich an Schüler, die ein "sonderpädagogisches Bildungsangebot" mit zieldifferentem Unterricht benötigen. Schüler mit Teilleistungsstörungen erbringen jedoch die gleichen Leistungen, wie die übrigen Schüler. Sie benötigen lediglich eine besondere Förderung, Nachteilsausgleich und Bewertungsschutz in den betroffenen Leistungsbereichen.

Top Seite

Bei unserem Kind wurde eine Lese-Rechtschreibstörung diagnostiziert. Die Klassenlehrerin sagt aber: "Bei mir gibt es keine Sonderbehandlung für einzelne Schüler." Kann ich auf einer Anwendung der schulrechtlichen Ausgleichsmaßnahmen bestehen?

Die Verwaltungsvorschrift „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf“ vom 22. 8. 2008 gilt für alle Schularten. In Abschnitt 2.3.1 ist der Nachteilsausgleich geregelt, in Abschnitt 2.3.2 die Besonderheiten der Leistungsmessung und -bewertung bei Lese-Rechtschreibschwierigkeiten. Die Schulen sind verpflichtet von Amtswegen, also auch ohne Antrag der Eltern, die Verwaltungsvorschrift anzuwenden. Bei Anwendung des Nachteilsausgleichs müssen die betroffenen Schüler die gleichen Leistungen erbringen, wie die übrigen Schüler. Nach Abschnitt 2.3.2 der Verwaltungsvorschrift werden lediglich die Lese- und Rechtschreibleistungen zurückhaltend gewichtet.

Sprechen Sie mit dem Klassenlehrer, den Fachlehrern und wenn notwendig auch mit der Schulleitung. Stellen Sie Ihren Antrag auf Anwendung der Ausgleichsmaßnahmen nach der Verwaltungsvorschrift schriftlich, dann müssen Lehrer und Schulleiter in der Klassenkonferenz eine Entscheidung treffen. Wenn Sie mit der Entscheidung der Klassenkonferenz nicht einverstanden sind, können Sie sich über das weitere Vorgehen beim Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie Baden-Württemberg informieren oder sich auch direkt an die zuständige Schulbehörde wenden.

Top Seite

Bei unserem Kind wurde von einem Kinder- und Jugendpsychiater eine Lese-Rechtschreibstörung/Rechenstörung diagnostiziert. Ist für die Maßnahmen der Verwaltungsvorschrift zusätzlich eine schulpsychologische oder sonderpädagogische Diagnostik erforderlich?

Jede Diagnostik ist eine psychische Belastung für das Kind und ein Eingriff in sein Persönlichkeitsgrundrecht. Deshalb ist eine Diagnostik nur zulässig, wenn sie mit wissenschaftlich anerkannten Verfahren durch qualifizierte Fachkräfte durchgeführt wird und wenn sie relevante neue Informationen liefert bzw. die vorhandenen Informationen nicht ausreichen.

Eine zusätzliche sonderpädagogische bzw. schulpsychologische Testung würde lediglich Teilbereiche der bereits erfolgten und umfassenden medizinischen Fachdiagnostik wiederholt überprüfen, wie die Teilleistung oder die Intelligenz. Sie würde also keine neuen Informationen liefern und ist damit nicht erforderlich. Sie wäre nur eine zusätzliche psychische Belastung und damit dem Kind nicht zumutbar.

Top Seite

Was versteht man unter Nachteilsausgleich?

Der Nachteilsausgleich ist in Abschnitt 2.3.1 der Verwaltungsvorschrift „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf“ geregelt und leitet sich direkt aus Artikel 3 Abs. 1 Grundgesetz, dem Grundsatz der Chancengleichheit, ab. Danach sind grundsätzlich alle Schüler gleich zu behandeln und müssen alle die gleichen Leistungen erbringen. Bei Schülern mit Behinderungen oder besonderem Förderbedarf kann eine formelle Gleichbehandlung aber zu einer ungerechtfertigten Schlechterstellung der Betroffenen führen. Soweit sie durch ihre Einschränkungen benachteiligt sind, steht ihnen deshalb ein Nachteilsausgleich zu. Das gilt auch für Schüler mit Teilleistungsstörungen.

Nachteilsausgleich umfasst sowohl den Ausgleich durch Anpassung der Art und Weise der Leistungsfeststellung, wie Zeitzuschlag, besonders bei Klassenarbeiten, Nutzung technischer oder didaktisch-methodischer Hilfen oder Anpassung der äußeren Rahmenbedingungen, z. B. durch ruhige Arbeitsplätze, aber auch die niveaugleiche Modifizierung der Leistungsinhalte bei gleichen Leistungsanforderungen, z. B. durch mündliche Austauschaufgaben oder stärkere Gewichtung der mündlichen Leistungen.

Über den Nachteilsausgleich entscheidet die Klassen- oder Jahrgangsstufenkonferenz. Die Entscheidung hat bindende Wirkung für die Fachlehrer. Nachteilsausgleich ist in allen Klassenstufen, auch in Abschlussklassen und Prüfungen, möglich und wird nicht im Zeugnis vermerkt.

Top Seite

Was versteht man unter Besonderheiten bei der Leistungsmessung und Leistungsbewertung?

Die Besonderheiten der Leistungsmessung und Leistungsbewertung sind in Abschnitt 2.3.2 der Verwaltungsvorschrift „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf“ geregelt. In den Klassenstufen 1 – 6 gelten sie, wenn die Leistungen im Lesen und/oder Rechtschreiben dauerhaft, d. h. in der Regel etwa ein halbes Jahr, geringer als ausreichend sind. Das gilt allein für die Leistungen im Lesen und/oder Rechtschreiben, nicht für die gesamte Deutsch- bzw. Sprachleistung. Die Formulierung „in der Regel“ stellt klar, dass der Halbjahreszeitraum nicht zwingend erforderlich ist.

Sie können auch in den höheren Klassen angewendet werden, wenn zusätzlich zu den schlechten Leistungen im Lesen und Rechtschreiben ein begründeter Ausnahmefall vorliegt. Begründete Ausnahmefälle sind:

Eine medizinisch diagnostizierte Lese-Rechtschreibstörung oder

Ein weiterhin gestörter oder verzögerter Schriftspracherwerb .

Die Regelungen des Abschnitts 2.3.2 gelten jedoch nicht mehr in den Abschlussklassen und Prüfungen, und in der gymnasialen Oberstufe.

In Deutsch und in den Fremdsprachen sind die Leistungen im Lesen oder Rechtschreiben zurückhaltend zu gewichten. Das gilt auch für die Berechnung der Zeugnisnote. Bei Diktaten kann eine andere Aufgabe gestellt oder der Umfang der Arbeit begrenzt werden.

In den übrigen Fächern werden die Rechtschreibleistungen nicht gewertet. Diese Vorschrift ist für alle Fachlehrer verpflichtend.

Die zurückhaltende Gewichtung wird im Zeugnis vermerkt. Die Entscheidung trifft die Klassen- oder Jahrgangsstufenkonferenz.

Top Seite

Mein legasthener Sohn ist im 7. Schuljahr und macht immer noch sehr viele Rechtschreibfehler. Die Lehrerin sagt, ab dem 7. Schuljahr gibt es keine schulischen Hilfen, wie Nachteilsausgleich oder zurückhaltende Gewichtung der Rechtschreibung mehr. Ist das richtig?

Nein, auch in den höheren Klassen sind Nachteilsausgleich und zurückhaltende Gewichtung der Lese-Rechtschreibungen möglich.

Die Verwaltungsvorschrift „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf“ unterscheidet zwischen Nachteilsausgleich nach Abschnitt 2.3.1 und den Ausnahmen bei der Leistungsmessung und Leistungsbewertung nach Abschnitt 2.3.2.

Der Nachteilsausgleich beinhaltet nur Maßnahmen hinsichtlich Art und Weise der Leistungsfeststellung und äußeren Prüfungsbedingungen, wie z. B. Zeitzuschlag oder technische Hilfen bzw. niveaugleiche Modifizierung der Prüfungsinhalte bei gleichen Leistungsanforderungen. Nachteilsausgleich darf nicht im Zeugnis vermerkt werden und gilt in allen Klassenstufen und Prüfungen.

Weitere wichtige Maßnahmen sind die Ausnahmen bei der Leistungsmessung und Leistungsbewertung nach Abschnitt 2.3.2, wie die zurückhaltende Gewichtung der Lese- und Rechtschreibleistung. Eine zurückhaltende Gewichtung der Lese- und Rechtschreibleistung führt zu einer anderen Bewertung der Teilleistung und ist deshalb im Zeugnis zu vermerken. Diese Maßnahmen sind auch über die 6. Klasse hinaus, anwendbar, wenn zusätzlich zu schlechten Lese- und Rechtschreibleistungen eine medizinisch diagnostizierte Lese-Rechtschreibstörung oder ein komplexes Feld an Ursachen für einen gestörten oder verzögerten Schriftspracherwerb vorliegen. Das ist ausdrücklich in der Verwaltungsvorschrift vorgesehen.

In den Abschlussklassen und Prüfungen sind die Maßnahmen nach Abschnitt 2.3.2 allerdings nicht mehr zulässig.

Der Nachteilsausgleich und die Maßnahmen nach Abschnitt 2.3.2. sind bei gegebenen Voraussetzungen gleichzeitig anzuwenden!

Top Seite

Was versteht man unter einer Dyskalkulie und wie zeigt sie sich?

Eine Dyskalkulie/Rechenstörung ist eine umschriebene Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten. Sie wird häufig schon in der ersten Grundschulklasse offensichtlich, wenn die Kinder im Zahlenraum über 10 rechnen müssen. Die Rechenleistung ist deutlich schlechter als die der Klassenkameraden. Kennzeichnend für eine Rechenstörung sind grundlegende Störungen im Verständnis von Mengen und Zahlen. Dadurch ist die Entwicklung der sogenannten mathematischen Basiskompetenzen massiv beeinträchtigt. Betroffen sind das Vergleichen von Mengen (mehr/weniger) und Zahlen (größer/kleiner), das Benennen und Aufschreiben von Zahlen, die Fähigkeit, richtig zu zählen, sowie die Entwicklung eines mentalen Zahlenstrahls. Da die mathematischen Basiskompetenzen eine Voraussetzung für den Erwerb der Grundrechenarten bilden, zeigen Kinder mit einer Rechenstörung selbst bei einfachen Rechenaufgaben große Schwierigkeiten, ausführlicher, s. Dyskalkulie.

Top Seite

Welche schulischen Hilfen stehen den Schülern mit Dyskalkulie zu?

Die schulrechtlichen Hilfen bei Rechenschwierigkeiten sind noch nicht so ausdifferenziert wie bei den Lese-Rechtschreibschwierigkeiten. In der Verwaltungsvorschrift „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf“ ist für sie nur ein kurzer Abschnitt vorgesehen. Deshalb muss auf die allgemeinen Regelungen des Nachteilsausgleichs und das pädagogische Ermessen des einzelnen Fachlehrers zurückgegriffen werden.

Abschnitt 2.2 der Verwaltungsvorschrift sieht Lernstandsbeobachtung und Förderung von Schülern mit besonderen Schwierigkeiten in Mathematik in der Grundschule vor. Allerdings ist die tatsächliche Fördersituation an den Schulen abhängig von den jeweiligen Ressourcen der Schule und der Aus-und Fortbildungssituation der Lehrer. Es gibt bislang keinen Anspruch auf eine individuell notwendige Förderung.

Schülern mit Rechenschwierigkeiten kann Nachteilsausgleich nach Abschnitt 2.3.1 der Verwaltungsvorschrift gewährt werden. Dazu s. auch Frage 18: Was versteht man unter Nachteilsausgleich?

Für die Grundschule weist Abschnitt 2.2 ausdrücklich auf die Möglichkeit des Nachteilsausgleichs hin.

In höheren Klassen ist Nachteilsausgleich direkt nach Abschnitt 2.3.1 möglich. Nach der bisherigen Rechtsprechung darf sich die Teilleistungsproblematik jedoch nicht auf die in der Prüfung abgefragten Kompetenzen auswirken. Deshalb ist fraglich, ob Nachteilsausgleich in höheren Klassen auch gewährt werden kann, soweit primär Rechenleistungen abgefragt werden.

Über den Nachteilsausgleich entscheidet die Klassen- oder Jahrgangsstufenkonferenz. Die jeweilige Entscheidung über die Anwendung von Maßnahmen des Nachteilsausgleichs ist eine Ermessensentscheidung.

Für Rechenschwierigkeiten sind in der Verwaltungsvorschrift keine besonderen Regelungen wie bei Lese-Rechtschreibschwierigkeiten, z. B. durch „zurückhaltende Gewichtung“ oder Nichtbewertung der Rechenleistungen vorgesehen.

Abschnitt 2.3.1 der Verwaltungsvorschrift enthält jedoch eine Härtefallklausel, wonach gerade bei schwer betroffenen Schülern ein Ermessensspielraum besteht, der zur Milderung möglicher Härten eine Abweichung vom Anforderungsprofil zulässt und damit auch eine Anpassung an die individuellen Leistungsmöglichkeiten möglich macht.

Außerdem kann der einzelne Fachlehrer seinen Unterricht und seine Leistungsbewertung nach seiner pädagogischen Verantwortung gestalten. Nach § 7 Abs. 2 Notenbildungsverordnung ist „die Bildung der Note in einem Unterrichtsfach eine pädagogisch-fachliche Gesamtbewertung der vom Schüler im Beurteilungszeitraum erbrachten Leistungen". Er kann in fachlich begründeten Ausnahmefällen betroffenen Schülern Hilfsmittel gestatten, die Arbeitszeit verlängern oder auch von den Leistungsanforderungen abweichende Aufgaben stellen. Das gilt auch für Zeugnisse und Abschlusszeugnisse. Die Ermessensentscheidung des einzelnen Fachlehrers erfolgt ohne Zeugnisvermerk.

Bei weiteren Fragen zum Thema Legasthenie oder Dyskalkulie, bitten wir Sie, sich vertrauensvoll an die Telefonberatung des Landesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie e. V. zu wenden.